| Brokeback Mountain Sächsische Zeitung Donnerstag, 9. März 2006 „Was wir haben, ist hier“ Von Oliver Reinhard |
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Film. Wer den „Brokeback Mountain“ sieht, vergisst ihn so schnell nicht mehr.
Wer an Freiheit des Willens glaubt, hat nie geliebt. Jedenfalls nicht so unbedingt und wahrhaftig und dauerhaft wie die beiden Schafhüter Ennis und Jack. Es ist die schlimmste Form der Liebe, die sie fühlen. Eine
Trotzdem-Liebe. Eine, die wächst, je unmöglicher sie wird. Unmöglich, weil sie Männer sind, weil sie in einer Zeit und einer Gegend lieben, in der Schwule als etwas derart Perverses gelten, dass sie um ihr Leben fürchten müssen. So ist das hier, in Ang Lees mit drei Oscars prämierten Film „Brokeback Mountain“, in den tiefsten Provinzen der USA am Beginn der 60er- Jahre. So ist es auch anderswo. Ennis und Jack wissen es. Aber was sollten sie tun?
Nähe ist noch etwas Selbstverständliches, müssen zwei Männer für einige Monate in der Bergeinsamkeit des Brokeback Mountain Schafe hüten. Man will sich aufeinander verlassen können, von Einsamkeit ablenken. Aus Nähe wird Vertrautheit; auch das alles nichts Ungewöhnliches. Aber wenn die Blicke auf einmal länger auf dem Anderen ruhen? Wenn sich wirklich alles verändert, ohne dass man weiß, wohin?
So viel vorab: Dieser Film ist ein Wunder für sich. Weil es scheint, als hätte weder Regisseur Ang Lee diese Geschichte gefunden noch Jake Gyllenhaal (Jack) und Heath Ledger (Ennis) in ihre Rollen. Vielmehr wird man den Eindruck nicht los, sie seien gefunden worden von etwas, das schon lange auf sie gewartet hat. Eine Geschichte, die sich über sie senkt, sie umhüllt, durchdringt, erfüllt. Das ist selten.
Nichts wirkt aufgesetzt
„Brokeback Mountain“ hat eine unaufgeregte Ruhe, eine Gelassen- und Selbstverständlichkeit, als wär’s eine Dokumentation über Bergschafzüchter. Nichts wirkt aufgesetzt, gezwungen, gewollt, gestelzt, spektakulär, nicht mal die einzige Sexszene zwischen Jack und Ennis. Kein Widerspruch zum Regie-Oscar für Ang Lee, vielmehr der Grund: Es ist, als geschähe hier etwas einfach, wie es geschehen muss. So trügerisch kann Kino sein. Und so wundervoll. Wühlt die Liebe in Jack und Ennis, lässt Ang Lee seinen Kameramann Rodrigo Prieto dies mit grandiosen ungekünstelten Naturbildern kommentieren – und noch das Wetter am Himmel aufleuchten, einem Echo gleich. Zu einer dezenten, sensiblen und berührenden Musik – ebenfalls oscarprämiert –, so spröde, zärtlich, rührend wie das, was sie untermalt.
Ang Lee erzählt „Brokeback Mountain“ als recht normale – schwul hin oder her – Liebesgeschichte. Eine traurige freilich, ohne „normale“ Chance. Jack und noch mehr Ennis geben sich keinen Illusionen hin – und rennen davon. Sie suchen den Ausweg in der Ehe, gründen Familien, arbeiten, sehen sich Jahre nicht … Aber schon beim ersten Wiedersehen zweifeln sie (und wir) keine Sekunde: alles vergebliche Verdrängungsmüh’.
Zwanzig Jahre werden vergehen. Zwanzig Jahre, in denen sich Jack und Ennis jeweils für ein paar Tage sehen, oben am Brokeback
Mountain, um etwas weiterzuleben, etwas festzuhalten. „Alles was wir haben ist hier, ist Brokeback“, sagt der leidenschaftliche Jack dem verschlossenen Ennis beim letzten Treffen, als nichts mehr geht. „Alles ist darauf aufgebaut!“
Das wird ihr Schicksal, und mit dem Schlussbild findet „Brokeback Mountain“ zu einer geradezu bestürzenden Poesie, zu einer, die im tiefsten Inneren berührt, das Wasser aus den Augen treibt, den Hals zuschnürt und dort einen Kloß hinterlässt, den man so schnell nicht los wird. Näher kann Film nicht kommen, stärker kaum berühren, glücklicher selten machen.