Hallo, Ihr Lieben.
Nun sind wir also wieder daheim im trauten Deutschland. Ungewohnte Kühle empfing uns, ungewohnt nach zwei Wochen Toleranz auch gleich die
albernen Bemerkungen einiger starker junger Männer auf dem Flughafen, die wahrscheinlich noch nie zwei Schwule gesehen hatten. Die Heimat hat
uns wieder. Die Waschmaschine rumpelt vor sich hin, die Koffer sind ausgepackt. Aus den Schuhen rieselte noch ein Rest Ibizasand, ein
letzter Gruß der weißen Insel.
Ich habe mir eine Sangria gemixt, dieses Nationalgetränk der Spanier das sie zu einem besonderen Essen nehmen, wo man sich hinterher
eigentlich nur noch eine ausgedehnte Siesta gönnen sollte (nur die Touris trinken es immer und
überall). Ich weiß, sie wird nie so schmecken wie bei Daniel oben in der Altstadt, in seiner kleinen Bar an
der Stadtmauer. Aber sie wird mir Hilfe sein bei dem Gang durch die Erinnerungen, bei dem Ihr mich begleiten sollt.
Wir fliegen pünktlich 8.00 mit einer Boeing 737 der Condor ab Dresden. Dank Vorabend-check-in in aller Ruhe und ohne Stress. Zwei und eine
halbe Stunde Flugzeit liegen vor uns, mit Essen, Trinken und duty-free- Einkauf vergeht die Zeit schnell. Links sehen wir den Mont
Blanc, schneebedeckt, dann schon das Azurblau des Mittelmeeres. Leider sitzen wir auf der falschen Seite, so
können wir von Ibiza bei der Landung nicht viel sehen. Aber als wir aus der Flugzeugtuer treten,
empfängt uns die Insel mit feuchtwarmer Luft und strahlender Sonne. Oh weh. Das
langärmelige Hemd habe ich garantiert umsonst eingepackt.
Ein kleiner Bus bringt uns zum Hotel. Wir haben das Figueretas im
gleichnamigen Ort ausgesucht. Es ist ein eher kleines drei-etagiges Hotel, die umlaufenden Balkone und die
grünen Holzläden vor den Balkontüren gefielen mir schon beim letzten Mal. Unser Zimmer ist noch
nicht fertig und wir setzen uns auf die Hotelterrasse. Rechts zieht sich die Strandpromenade nach Platja d'en Bossa, der Hotelstadt hin
, links
schlängelt sie sich Richtung Ibiza. Direkt vor uns, nur durch die vielleicht 5m breite mit Palmen bestandene Promenade getrennt, liegt der
Sandstrand der Bucht von Figueretas. Die Schwüle macht mir Kopfschmerzen, die aber nach einer ersten
Dusche und einem Aspirin bald verschwinden. Wir bewohnen ein Zimmer im Erdgeschoss mit einer kleinen
Terrasse, schauen direkt aufs Meer. Es ist herrlich hier. Nach einer kurzen Siesta (bei 35°C sei sie uns gestattet) brechen wir zu einem
ersten Bummel auf.
Wir gehen ein paar Schritte die Strandpromenade entlang in Richtung Ibiza, links ein paar Stufen hinauf und stehen vor dem
Monroe's. Die
Regenbogenfahne leuchtet uns entgegen. Monroe's ist eine kleine englische Bar, die fast den ganzen Tag
über happy hour bietet. Die Inhaber und auch das Bedienpersonal sind herzlich und
freundlich, man gehört sofort dazu. Das ist in den Schwulenbars nicht unbedingt
üblich. Wir nehmen einen kalten Drink (Fanta Lemon) und kaufen einen
freedom-pin. Die schwarzen Shorts mit dem freedom-sticker
gibt's leider nur in XL und das ist uns wirklich zu groß. Zwei Straßenecken weiter finden wir
uns dann im schattigen Garten des Cafe Central wieder. Da die Besitzer Deutsche sind, hat sich die Bezeichnung Deutsches Cafe unter den
Schwulen eingebürgert. Und hier gibt's tatsächlich richtiges deutsches Essen. Beliebt ist das kleine Frühstück, durchaus noch 13.00
üblich. Wir entscheiden uns aber heute für Apfeltorte und Kaffee. Hier ist wirklich
alles deutsch, leider auch das Bedientempo. Aber die Apfeltorte ist köstlich. Hinter dem Cafe, in der Calle de Navarra, liegt der von
Bärchen favorisierte Italiener. Er hat aber noch nicht geöffnet und wir wollen ja sowieso weiter.
Wir laufen also die Avenida Espana hinunter, immer auf der Schattenseite, versteht sich. Nach wenigen Minuten biegen wir rechts in
die Via Romana und kommen zum Fuß des Puig de Molins (Mühlenberg). Der Berg war bis Anfang des Jahrhunderts mit etlichen Windmühlen bestanden.
Einige auf dem Gipfel sind noch erhalten. Am Hang mussten sie allerdings Ausgrabungsarbeiten weichen, denn man fand damals dort eine der
umfangreichsten Totenstädte aus phönizischer Zeit. Für reiche Phönizier war es eine Ehre, auf Ibiza (damals
Ibusim, Stadt des Gottes Bus)
begraben zu werden. Die Römer, die später die Insel beherrschten, übernahmen diesen Brauch. So wurden in den in den Fels gehauenen
Grabkammern wertvolle Beigaben gefunden, die man im Museum bewundern kann und die Aufschluss
über die Geschichte der Insel geben.
Schon stehen wir am Fuß der Stadtmauer, die hier eine Höhe von ca. 15m hat und gelangen durch das Portal Nou
über eine steile Rampe ins innere der Altstadt von Ibiza. Die Sonne empfängt uns auf der Placa del Sol.
Links haben wir eine herrliche Aussicht über Ibizas Hafen und die Neustadt. Rechterhand gehen wir ein paar
breite Stufen hinauf in die
Calle Sant Josep, vorbei an der Kirche Esglesia de Hospitalet. Rechts Reste der Mauer aus arabischer Zeit, die damals die Unterstadt
von der Mittleren Stadt trennte. Zwei Wachtürme sind noch auszumachen. Über eine Treppe gelangen wir in die Straße der Eroberung
(Carrer de Conquesta), in der 1235 das Säbelrasseln der durch einen angeblichen Geheimtunnel eindringenden Katalanen die arabische Epoche
beendete. Vorbei geht es nun an der Kapelle des Hl. Ciriac, dem Schutzpatron Ibizas. Durch verwinkelte Treppen und mit Bouganvileen
überwucherte Gassen gelangen wir zum höchsten Punkt der Altstadt, der von der Kathedrale beherrscht wird. Vom Baluard de Sant
Bernard direkt hinter Kirche und Burg genießen wir die Aussicht aufs Meer, rechts
Figueretas, Bossa und hinten am Horizont der Strand Es Cavalet. Hier stoßen wir nun auch wieder auf Touristen, die wahrscheinlich nur
stur ihrem Reiseführer gefolgt sind und so die schönsten Winkel der Dalt Vila nie zu Gesicht bekommen. Zum Glück für uns und für die Stadt.
Es ist Abend geworden, wir haben gut gegessen und sind, frisch geduscht, fertig fürs Nachtleben. 22.30 ziehen wir langsam los, um die Altstadt
herum, direkt nach Ibiza ins Hafenviertel. Wir schieben uns mit Tausenden anderen durch die Calle de la
Virgen. Rechts und links bieten
hier, wie auch unten am Hafen, verschiedene Händler ihre Waren an. Leider ist es nicht mehr nur Hippieware und Ibizatypisches, sondern auch
allerhand Kram, den man auch in jeder anderen Stadt kaufen kann. Restaurants und Bars locken. Wir wollen aber ans Ende der Gasse. Dort,
ausgerechnet in der Gasse der Jungfrau Maria, konzentrieren sich die Schwulenbars. Hierher verirren sich nur wenige Touristen, nur ab und zu
schiebt sich ein Hawaiihemd-überspannter Bauch mit Videokamera und deutschem Familienvater nebst sauer
lächelnder Gattin und Anhang vorbei. Wir haben die Wahl zwischen Teatro,
Galeria, Leon, J.J. Nun gut, wir
trinken ein Bier in der J.J., d. h. eigentlich auf der Strasse vor der Bar, gucken Leute und lassen uns betrachten. Ganz up to date sind wir wohl
nicht, man trägt in diesem Jahr weiße ärmellose Unterhemden. Bloß gut, dass ich ein paar für kalte Tage mitgenommen habe. Langsam zieht die
Karawane dann gegen Mitternacht hoch zu Angelo oder ins benachbarte
Inkognito. Die beiden Bars liegen terassenförmig angeordnet direkt an der Stadtmauer. Nach 1.00
fällt hier keine Nadel mehr zur Erde. Hier treffen wir auch die Mädels aus unserem Hotel wieder, ins
Gespräch kommen wir heute leider nicht, zu viele Leute drumherum. Dafür gibt's
einen Blick auf Charly aus dem Marienhof, auch Käthe aus der Lindenstraße läßt sich sehen. Auf uns wartet ja aber noch Daniel oben in
der Altstadt. Auch bei ihm wissen die bedienenden Burschen um ihre Reize und zeigen sie recht freizügig. Hier bei Daniel in der Bar La Muralla
(An der Stadtmauer) ist alles intimer. Keine allzu laute Musik, man kann sich unterhalten und
noch mal Kraft schöpfen für den anschließenden Gang in die Disco Anfora, zwei Ecken weiter.
Wir trinken also unsere erste
Sangria, lassen uns erklären, dass sie aus Rotwein, Zitronensaft, Limonade und Fruchtfleisch
besteht (und je nach Bar mit mehr oder weniger Eis aufgefüllt wird). Wir sitzen günstig,
können die Schatten oben auf der Stadtmauer beobachten. (Was da wohl los ist?) Auf jeden Fall hat man
von dort den besten Blick nach oben auf Dalt Vila und nach unten, fast voyeuristisch, auf die verwinkelten Gassen des Fischerviertels.
Kurz vor Zwei strömt alles in die Disco, denn nachher steigt der Eintrittspreis von 500 auf 1500 Pts. Heute ist Freitag, die Nacht der Travestieshow. 4.00 soll sie losgehen, wir haben noch Zeit, uns umzusehen. Da steht ja wieder der kleine Spanier neben mir an der Bar, hatte der mir nicht schon vorhin bei Angelo zugelächelt? Er lächelt wieder, fragt "Espanol?". Was meint er denn, ob ich Spanier bin, oder ob ich spanisch spreche? Muss er doch sehen, dass ich ein Tourist bin. Ich bringe also grade mal ein "No" hervor, damit beide Möglichkeiten verneinend. Nach der Tanzrunde beim nächsten Drink fragt er unbeirrt weiter: "ton nombre?" Was bedeutet das denn wieder. Irgendwann kommt mir aber die Erleuchtung und ich sage "ton nombre ist Dein Name?". "Miguel" tippt er auf sich. Ach Du heiliger Drachentöter. (Für alle Ungläubigen: St. Michael ist der mit der ganz großen Lanze.) Dann liegt sein Finger auf meiner Brust. Ich eröffne ihm die große Neuigkeit, wohl wissend, dass er 1. meinen Namen sowieso nicht verstanden hat, ihn 2. nicht aussprechen werden kann und ihn 3. also gleich wieder vergessen wird. Aber er lächelt weiter, sagt "me gustas" und erntet dafür drei ??? in meinem Gesicht. Gemeinsam genießen wir die Auftritte von Milva, Katja Epstein, und wie sie alle heißen. Es herrscht eine so herrlich gelöste Athmosphäre, dass man die Welt umarmen könnte (mir reicht heute Miguel). Der Saal jubelt und wenn ich lange Haare hätte, würde ich wohl als Dalida auftreten. Die Sonne ist aufgegangen, als wir ins Bett fallen...
Ja, Ibizas Nächte sind lang, die Zeit des Hotelfrühstücks ist grausam.
Wir legen uns also hinterher noch mal kurz aufs Ohr und nehmen den 14.00-Bus zum Strand. In der Avenida Espana ist die Bushaltestelle schon an
der Traube wartender Mädels zu erkennen. Welch Wunder, der Bus ist klimatisiert. Die Ibizenker
verwöhnen ihre schwulen Gäste. Die Fahrt geht in den Süden der Insel, vorbei an den riesigen Salzfeldern, den
Salinas. 20 Minuten Fußweg liegen noch vor uns. Manch einer biegt gleich hier rechts ab, seltsame
Trampelpfade führen in die Pinienhaine. Der harte Kern schaffst aber bis zum Strand, wo sich die anderen schon
braten lassen. Hier liegt auch wieder der nette Franzose, wie jeden Tag. Er entpuppt sich später als in Trier arbeitender Luxemburger. Wir
plaudern ganz nett, nehmen einen Drink an der Strandbar Chiringgay (die Bedienung ist hier aber nicht so doll), gehen natürlich auch ins Wasser.
Heute gibt's herrliche Wellen und bei der Badewannentemperatur kann man's stundenlang aushalten. Das Wasser ist hier klarer und sauberer als in
der Stadt. Außerdem ist ja FKK erlaubt, aber wahrscheinlich gehört es nicht zum guten Ton in diesem Jahr, die katholischen Italiener und
Franzosen sind ja sowieso keuscher als wir. Man muss ja auch seine Bademode ausführen. Zwickel ist angesagt, meine Lieben! Wir verabreden uns noch
mit Fleurence für den Abend zum Essen in einem der herrlichen Restaurants in der Altstadt und nehmen den letzten Bus 20.00 zum Hotel.
Drei Busse müssen eingesetzt werden, um alle wieder zurück zu bringen. Hach, die vielen
Männer auf einem Haufen, liebe Leute! Jedenfalls müssen wir uns sofort so ein großes Tuch anschaffen, das es in allen Farben und
Mustern überall zu kaufen gibt und welches der größte Teil der Jungs lässig um die
Hüfte geschlungen hat zu einem wadenlangen Wickelrock geformt. Man braucht eigentlich für drunter
überhaupt gar nichts. Schön luftig ist es jedenfalls.
Als wir, wieder weit nach Mitternacht, vom Abendessen und Daniels Sangria gesättigt nach Hause laufen, nehmen wir die Abkürzung außerhalb
der oberen Stadtmauer entlang. Links sind verdächtige Schatten auszumachen. Ach, ja: hier ist Action, steht im
Spartacus. Allerdings
sieht es von hier eher aus wie internationales Schaulaufen. Wollen wir uns das heute also mal sparen. Wir haben ja Schlaf
nötig, denn morgen machen wir einen Ausflug.
Zunächst fahren wir mit dem inzwischen bekommenen Mietwagen (der Renault Megane
fährt sich gut - voller Dank denken wir an Falk) durch verschlafene kleine Ortschaften zum südwestlichen Zipfel Ibizas. Nach einem kurzen
Fußmarsch fällt die Küste vor uns plötzlich vielleicht 100m steil ins Meer und vor uns liegt die Insel Es
Vedra. Wir wollten es nicht glauben,
sie hat tatsächlich die Form eines schlafenden Drachens. Es ist ein Anblick, den man nicht vergisst. Man behauptet, Homer
hätte die Insel in der Odyssee als Sireneninsel verewigt. Wir können uns nur schwer
losreißen, wollen aber weiter Richtung Norden. An der reizvollen Küste entlang, durch bezaubernde Orte und malerische Buchten gelangen wir nach
Sant Miguel und besuchen die Tropfsteinhöhle Cova de Can Marca. Sie ist mehrere hunderttausend Jahre alt und wurde schon von Schmugglern als
Versteck genutzt. Leider ist sie fast vollständig versteinert, aber man trickste ein bisschen und legte künstliche Wasserläufe an. So gibt es
auch einen Wasserfall zu bewundern (auf Knopfdruck), zu dem unsere Führerin mit Lichteffekten und Musik eine
märchenhafte Stimmung schafft. Auf der Heimfahrt werfen wir noch einen Blick auf die in einer
zauberhaften Bucht gelegene Touristenstadt St. Antonio. Ibiza gefällt uns da besser.
Am Abend ziehen wir nun ein letztes Mal durch die Bars, der bevorstehende Abschied macht uns das Herz schwer. Der kleine spanische
Kellner, der uns ins Herz geschlossen hatte, drückt uns fest und wünscht gute Reise. Er trägt heute einen langen schwarzen Rock und mit seinen
Stiefelchen erinnert er ein bisschen an einen Samurai, aber auch an einen Kosak. Es ist ein reizender Anblick! Daniel spendiert einen
Aprikosenlikör, sagt dazu, es sei sperm of wal, es gibt Küsschen von allen Seiten. Ein
letztes Mal der Blick von der Stadtmauer auf die verschachtelten Gassen. Ein letztes Mal dieser herrliche Sternenhimmel.
Am Morgen ist nicht mehr viel zu tun. Die Koffer sind gepackt. Wir können noch eine letzte Runde
drehen. Noch einmal zu dem romantischen
Strand in der kleinen Felsenbucht mitten in der Stadt, von dem zum Glück nicht viele wissen. Ein letzter Drink im
Monroe's.
Wir versuchen, mit allen Sinnen noch mal so viel wie möglich aufzunehmen, um noch lange von diesem Urlaub zehren zu
können. Es ist, als wollte uns auch Ibiza nicht fortlassen: das Flugzeug hat eine Stunde Verspätung. Dafür gibt es ein Privileg. Wir starten nicht,
wie üblich, aufs Meer hinaus, sondern über die Stadt. Und so funkelt uns Ibiza im letzten Sonnenlicht einen Abschiedsgruß herüber, der sich tief
einprägt. Adios Ibiza, Adios Spanien. Adios, Ihr lieben Menschen, die wir
kennen gelernt haben, die Ihr uns so freundlich aufgenommen habt. Adios, Miguel. Me
gustas.
Meine Sangria ist ausgetrunken. Die Waschmaschine ist fertig. Kommt einfach beim
nächsten Mal wieder mit. Aber Vorsicht: Ibiza macht süchtig.
Eine kleine Nachbemerkung: Wie Ihr gemerkt habt, war unsere Reise zeitlich ziemlich gerafft. Es ist manches nicht
ganz so, und manches ganz anders passiert. Aber welche Rolle spielt das in einer Stadt, in
der alles ganz genauso
hätte passieren können?
Tschuessi
Euer Volker